BlogCO2 Bepreisung – Allgemein

Durch CO2 Preise navigieren  

Geschrieben von

Ulf Narloch

Veröffentlicht am

carbon

Die CO2 Bepreisung soll zunehmend zur Erreichung von Klimazielen beitragen mit wachsender Bedeutung für Unternehmen in allen Sektoren. Über 50 Länder haben bereits einen CO2-Preis für Energie und Industrie eingeführt oder geplant. In globalen Lieferketten spielt das sichere Steuern durch diesen Flickenteppich an CO2-Preisen eine zunehmende Rolle.

Wachsende Forderung nach CO2-Preisen  

Die Bepreisung von CO2 wird stetig ausgeweitet. Im Oktober startete die EU mit der Übergangsphase des weltweit ersten Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM). Auch Großbritannien kündigte in seiner Herbsterklärung in Kürze seine Antwort auf die Einführung einer eigenen CO2-Grenzabgabe an. 

Diese Mechanismen üben auch Druck auf Handelspartner aus, eigene CO2-Preise einzuführen. Die Türkei bereitet sich auf die Einführung eines Emissionshandelssystems (ETS) vor. Im Oktober 2023 beschloss auch der brasilianische Senat, ein Gesetz zur Einführung eines ETS voranzubringen. 

Diese neuen Entwicklungen reflektieren eine ungebrochene Dynamik hin zu marktbasierten Instrumenten in der Klimapolitik. Dies wurde auch von der Weltbank in ihrem Bericht “State and Trends of Carbon Pricing” zu Beginn dieses Jahres festgestellt.  

Im Oktober verpflichtete sich die Coalition of Finance Ministers for Climate Action u.a. dazu, die Einführung von CO2-Preisen voranzutreiben. Derweil vereint die Carbon Pricing Leadership Coalition (CLPC) Entscheidungsträger aus Unternehmen und Regierungen, um die Bepreisung von Emissionen auszuweiten.

Wirtschaftswissenschaftler fordern schon seit langem einen globalen CO2-Preis. Erklärungen führender Ökonomen in den USA und der Europäischen Vereinigung der Umwelt- und Ressourcenökonomen halten ihn für den “kosteneffizientesten Hebel, um Kohlenstoffemissionen in dem erforderlichen Umfang und Tempo zu reduzieren”.

Der aktuelle Flickenteppich nationaler und subnationaler CO2 Preissysteme birgt derweil die Gefahr, dass CO2 weltweit sehr unterschiedlich bepreist wird. Um Störungen im internationalen Handel zu vermeiden, hat die WTO angekündigt, an einem globalen Rahmen für die CO2-Bepreisung zu arbeiten.

Während ein globaler CO2-Preis außer Reichweite bleibt, ist ein besseres Verständnis der zahlreichen nationalen und subnationalen Systeme für die Steuerung des internationalen Handels und die Verwaltung globaler Lieferketten unerlässlich.

Zunehmende Vielfalt von CO2-Preisen 

CO2 IQ führt seinen CO2-Preisradar ein, um die neuesten Unternehmens-relevanten Entwicklungen auf den verpflichtenden Kohlenstoffmärkten zu verfolgen.

Im November zählen wir insgesamt 77 Maßnahmen zur CO2-Bepreisung. Von diesen sind 10 derzeit geplant, entweder mit einem festen Starttermin, wie der ETS-II der EU für Gebäude und Verkehr ab 2027 oder die Maßnahmen in Brasilien, Indien und der Türkei, die sich derzeit im politischen Verhandlungs-Prozess befinden.

Zwei Preis-Instrumente 

Systeme zur Bepreisung von Emissionen wenden eines von zwei Instrumenten an:

  1. Im Emissionshandel wird eine Emissions-Obergrenze festgelegt, auf deren Grundlage Emissionsrechte an regulierte Unternehmen vergeben oder versteigert werden. Diese Rechte können dann gehandelt werden. Von den 43 bestehenden ETS bepreisen viele große Punktquellen von Emissionen.  
  1. CO2-Steuern legen eine feste Emissions-Abgabe fest. Sie werden in der Regel auf fossile Brennstoffe erhoben und von den Brennstofflieferanten eingezogen, die diese an die Endkonsumenten weritergeben. Ein Großteil der 34 bestehenden CO2-Steuern wird im Gebäude- und Verkehrssektor, aber auch für Brennstoffe in der Industrie angewandt.

Geografischer Geltungsbereich 

Insgesamt haben 55 Länder bereits ein CO2-Preissystem eingeführt oder planen ein solches. Das EU-ETS ist das einzige System, das mehrere Länder umfasst. Außerhalb der EU-27 sind Island, Lichtenstein und Norwegen vollständig in den EU-ETS integriert. Die Schweiz hat ein verbundenes System mit identischen Regeln.

5 Länder wenden CO2-Preise auf subnationaler Ebene an. Kanada hat ein nationales Preissystem, erlaubt aber den Provinzen, ihre eigenen gleichwertigen Systeme einzuführen. In den USA gibt es kein nationales System, sondern verschiedene subnationale Systeme.

Sektorale Abdeckung 

In den fünf Schlüsselsektoren für die Dekarbonisierung ist die CO2-Bepreisung in Energie und Industrie am weitesten verbreitet.

  1. Energie: Als größter Verursacher von Emissionen wenden 53 Länder einen CO2-Preis im Energiesektor oder in Energiesegmenten an. China hat 2021 ein landesweites Emissionshandelssystem für den Energiesektor eingeführt und ist damit das weltweit größte Land in Bezug auf die erfassten Emissionen. 
  1. Industrie: Mit großen punktuellen Emissionsquellen decken bereits 53 Länder Schwerindustrien wie Eisen, Stahl oder Zement in ihrer CO2-Bepreisung ab. Häufig werden dabei Emissionsrechte in ETS angesichts des internationalen Kostenwettbewerbs kostenlos vergeben, wie bisher im EU-ETS. 
  1. Verkehr: 43 Länder wenden bereits einen CO2-Preis im Verkehrsbereich an. Der Inlandsluftverkehr wird von vielen ETS erfasst. Das EU-ETS ist das weltweit erste, das auch Emissionen aus dem Seeverkehr erfasst. Argentinien, Kanada, Kolumbien erheben CO2-Steuern auf Benzin und Treibstoffe. 
  1. Gebäude: CO2-Preise im Gebäude-Bereich sind in 38 Ländern zu finden, u.a. subnationale Systeme wie in China, Kanada und den USA. Österreich, Deutschland und die nordischen Länder erheben bereits CO2-Preise für Brennstoffe zum Heizen. Mit dem EU-ETS II dürften diese abgelöst werden.
  1. Land: Die Landnutzung stellt eine Emissionsquelle und Kohlenstoffsenke zugleich dar. Bislang deckt nur Neuseeland Emissionen aus der Forstwirtschaft ab, wobei die Landwirtschaft ab 2025 einbezogen werden soll. Auch die EU prüft Optionen für eine CO2-Bepreisung in der Landwirtschaft.   

Einige Länder führen mehrere Maßnahmen parallel durch, um verschiedene Sektoren abzudecken. So hat Deutschland ein nationale Steuer auf Brennstoffe in Gebäuden und im Verkehr, das den EU-ETS Industrie und Energie ergänzt.

CO2-Preise als Wirtschaftsfaktor 

Diese steigende Zahl von Maßnahmen zur CO2-Bepreisung bringt neue Herausforderungen für Unternehmen mit globalisierten Produktionsstandorten und Lieferketten.

Es kommt nicht nur ein neuer Kostenfaktor hinzu, der von Ort zu Ort variiert und die Wirtschaftlichkeit vieler Produkte verändert. Auch sind neue Unternehmenslösungen für das Management und die Optimierung dieser Kosten gefragt.

Oft unterscheiden sich die Funktionsweise der CO2-Bepreisung, die Emissions-Abdeckung und die Messmethoden von Land zu Land, so dass Unternehmen die spezifischen Anforderungen der CO2-Preissysteme in jedem Land verstehen müssen.

Die länderübergreifende Angleichung solcher Systeme ist zunehmend im internationalen Handel gefragt. Der von der G7 im Jahr 2022 initiierte Klima-Club wurde auf der COP28 von Bundeskanzler Olaf Scholz offiziell ins Leben gerufen. Hierüber wollen sich 36 Mitgliedsländer um die Dekarbonisierung der energieintensiven Industrien bemühen.

Diese Koordinierungsbemühungen sind auch für EU-Importeure, die dem Grenzausgleich CBAM unterliegen, von Relevanz. Diese sind mit einer großen Vielfalt von CO2-Preisen und CO2-Messmethoden in den Ursprungsländern ihrer importierten Waren konfrontiert.

Schon jetzt müssen in der CBAM Übergangsphase umfassende Berichte vorgelegt werden, auch zu den von Nicht-EU-Herstellern gezahlten CO2-Preisen. Ab 2026 werden solche Informationen Kosten-relevant werden, wenn bereits effektiv gezahlte CO2-Preise, die Menge der erforderlichen CBAM-Zertifikate reduzieren.

Wie und welche CO2-Preise im EU-CBAM berücksichtigt werden sollen, muss noch in einem delegierten Rechtsakt festgelegt werden. Vor kurzem hat der European Roundtable  on Climate Change and Sustainable Transition (ERCST) relevante Überlegungen für die Anrechenbarkeit von CO2-Preisen dafür vorlegelegt.  

Insgesamt wird Wissen über CO2-Preise zunehmend zu einem kritischen Geschäftsfaktor. CO2 IQ bietet Marktinformationen und eingehende Analysen, um Unternehmen durch den globalen Flickenteppich nationaler und subnationaler CO2-Preispolitik zu navigieren.

(dieser Artikel wird regelmäßig aktualisiert – letzte Aktualisierung 2. Dezember 2023)


Quellen und weitere Informationen: 


Foto von Marcin Jozwiak auf Unsplash